100 Pfade ins Abenteuer

Vergangene Woche lag mit A Song of Silver der vierte Teil des aktuellen Abenteuerpfades Hell’s Rebels in meinem Briefkasten. Das Besondere daran ist, dass es gleichzeitig die Nummer 100 ist. 100 Ausgaben des Abenteuerpfades.

Auch wenn ich wegen des Stresses durch Hausbau und Umzug in den letzten Wochen nicht mehr dazu gekommen bin, die Abenteuerpfade zu lesen, war es doch merkwürdig, die Nummer 100 in den Händen zu halten und ich nahm mir die Zeit, mich hinzusetzen und den Blick zurück zu werfen auf über 8 Jahre und 17 Abenteuerpfade…

Meine Zeitreise beginnt in Berlin und in einer Welt voller Gewölbe und Drachen. Damals war alles anders; mein erster Sohn war noch nicht geboren und ich habe noch studiert. Wir hatten eine hübsche Dachgeschosswohnung in der Nähe des Rüdesheimer Platzes. Und ganz zufällig stieß ich auf die beiden Heften Dungeon und Dragon, die beide von Paizo herausgegeben wurden und Spielleiter und Spieler mit allerhand Neuem zu Dungeons & Dragons 3.5 versorgten. So war mein allererster Abenteuerpfad Age of Worms, der in den Dungeon-Heften erschien. Das Konzept der Abenteuerpfade faszinierte mich sofort und ich wurde regelmäßiger Leser; und war traurig zu erfahren, dass Paizo die Lizenz für die beiden Hefte verlor, war Wizards of the Coast das nun selbst machen wollte.

Gleichzeitig hatte Paizo aber die Idee, eine eigene Spielwelt zu erschaffen und diese in den Abenteuerpfaden zu entdecken. Pathfinder war geboren, damals noch mit 3.5er Regeln und einem ganz anderen Stil. Ich habe die Abenteuerpfade sofort abonniert. Nicht nur, dass ich jeden Monat ein neues Abenteuer von geschätzten Autoren erhalten sollte, nein, ich war von Anfang an dabei als eine neue Spielwelt erforscht wurde. Und das, was damals angeteasert wurde, klang aufregend neu.

In meinem Blick mischt sich etwas Wehmut, wenn ich mir ansehe, was aus all dem heute geworden ist und ich komme nicht umhin, persönlich etwas enttäuscht zu sein. Ich kann Paizo hieraus keinen Vorwurf machen, aber ich habe das Gefühl, dass Pathfinder sich in eine andere Richtung entwickelt hat als ich selbst. Und die Abenteuerpfade sind für mich nach wie vor das Aushängeschild des Systems.

Zuerst das Gute: Die Abenteuer sind im Großen und Ganzen mit das Beste, was aktuell auf dem Markt an fertigen Abenteuern zu bekommen ist. Paizo beschäftigt eine ganze Reihe hervorragender Autorinnen und Autoren. Die Hefte sind sehr gut aufgemacht, die optische Qualität überzeugt. Paizo hat im Laufe der Jahre eine unglaubliche Anzahl von Themen behandelt, von denen viele durchaus kontrovers waren:

Roboter, Computer und Laserpistolen in Iron Gods, Besuche auf der Erde in Rasputin must die! oder die Erkundung des asiatisch angehauchten Kontinents. Daneben war natürlich immer auch Platz, einzelne Landstriche zu erforschen: Katapesh in Legacy of Fire, die Mwangi Expanse in Serpent’s Skull oder Osirion  in The Mummy’s Mask. Oder die Abenteuerpfade, die einem einzigen Thema gewidmet waren: Priaten in Skull & Shackles, Gruselgeschichten in Carrion Crown oder Dunkelelfen in Second Darkness. Der Blickwinkel wurde dabei immer größer und die Themen aus meiner Sicht generischer. Die Erforschung der Welt, insbesondere des Landstriches Varisia in den ersten anderthalb Jahren der Abenteuerpfade durch ein Eintauchen in die Vergangenheit, wird wohl so nicht mehr geschehen können.

Gespielt habe ich die Abenteuerpfade kaum: Als Spielleiter Rise of the Runelords, als Spieler Teile von Serpent’s Skull. Gelesen habe ich fast alle. Dabei habe ich häufig den Mut bewundert, den Paizo zeigt, mit dem erfolgreichen Produkt auch mal etwas ganz Neues anzugehen. Ich habe mich immer über die weiteren Artikel in den Heften gefreut – vor allem zu der Zeit, da alles noch neu war und es nicht zig weitere Ergänzungsbücher und Hefte gab. Als die Landstriche noch weiße Flecken auf der Karte waren und eine Stadt nur mit einem atemberaubenden Bild (die Brücke über Magnimar!) beschrieben wurden.

Die Abenteuerpfade haben sich mit ihren Lesern und Spielern weiter entwickelt, sprechen aber aus meiner Sicht nach wie vor Neueinsteiger an, da sie einen einfachen Zugang zu dem Spiel ermöglichen. Was mich an anderen Rollenspielern stört ist die Unterstützung des Systems über die Zeit. Ich brauche im Grunde kein neues Regelbuch. Ich brauche eine Welt, die spannende Konflikte enthälte, über die ich gerne Geschichten erzählen möchte. Dazu halte ich persönlich Abenteuerbände für die beste Ergänzung zu einem Rollenspiel – und sei es nur, um Ideen und Begegnungen aus dem Abenteuer in eine eigene Geschichte zu übernehmen.

Die Abenteuerpfade sind hierzu ein niemals enden wollender Quell, aus dem ich mich gerne und reichlich bediene. Sie sind für den Spielleiter leicht vorzubereiten, pressen sich aber in ein enges Konzept. Sie erfordern rasche Stufenaufstiege, “hetzen” durch Begegnungen und vernachlässigen mit jedem weiteren Teil die Story. Aus meiner Sicht liegt das daran, dass zu Beginn noch kleinere Geschichten erzählt werden, ab ungefähr dem 4. Band eines Pfades aber “der große Hintergrund” offenkundig wird und damit das, was bisher geschehen ist, mehr in den Schatten tritt und kaum noch eine Rolle spielt.

Sicher, hier unterscheiden sich die einzelnen Abenteuerpfade stark. Aber bei der Lektüre fallen sie alle im vierten Band deutlich ab. Diejenigen, die episodenhafter erzählt sind (Carrion Crown oder Reign of Winter) fallen dabei in dieser Hinsicht positive auf. Vielleicht stehen die Abenteuerpfade auch einfach vor dem Problem, das ich selbst habe: Auf höheren Stufen noch spannende Geschichten zu erzählen oder “würdige” Herausforderungen zu finden.

Abenteuerpfade haben sich gerade zu Beginn auch immer durch Regelergänzungen ausgezeichnet. Vieles davon finde ich heute überarbeitet in dem Ultimate Campaign Buch. Paizo hat hier sehr viel ausprobiert und auch vieles richtig gemacht.

So bleibt mir am Ende meines Rückblicks die Sorge darüber, wo ich die künftigen Bände aufbewahre, denn mein Regelbrett ist fast voll. Daneben tröste ich mich über die persönliche und vielleicht nur gefühlte Enttäuschung damit hinweg, dass gerade die Abenteuerpfade mir eine Menge Spaß gemacht und mich in vielerlei Hinsicht inspiriert haben. Ich bin davon überzeugt, dass Paizo hiermit etwas geschaffen hat, was dem Hobby an sich gut tut und zum dauerhaften Erfolg von Pathfinder einen großen Beitrag geleistet hat.

Und auch wenn ich bisweilen mit dem Gedanken spiele, das Abo zu beenden, hält mich allein der Umstand “Unterstützer der ersten Stunde” zu sein, davon ab. Der Vorteil, direkt aus den USA zu bestellen, schmilzt mit dem Dollar-Kurs dahin. Aber irgendwie freue mich doch immer noch, wenn der weiße Pappumschlag von Paizo im Briefkasten auf mich wartet…

7 thoughts on “100 Pfade ins Abenteuer

  1. Das liest sich alles sehr spannend.
    Persönlich komme ich vom ältesten deutschen Rollenspiel Midgard und da gab Sonettes wie die Abenteuerpfade nicht oder bestenfalls andeutungsweise.
    Als Spieler von Tobias Runde ist es mir dabei egal, wo er seine Ideen her holt.
    Wir haben gemeinsam den AP Rise of The Runlord gespielt und der wa mir tatsächlich nach dem 3 Band einfach zu einfallslos. Noch ein neues Monster, noch ein Dämon oder was auch immer. Ich konnte mich darüber gar nicht mehr wundern, weil ich von der Masse der Kreaturen geradezu erschlagen wurde.
    Solche übernatürliche Wesen gehören für mich in das Endszenario. Sie sollten etwas Seltenes und Außergewöhnliches sein und nicht der Regelfall.

    Unsere Charaktere hasteten also von einem Kampf zum Nächsten. Ganze Abende bestanden aus einem hin- und her gewürfele. Unsere Figuren, ihre Geschichte und Hintergründe spielten keine Rolle. Man erfuhr auch nicht Ansatzweise, wer da mit einem Unterwegs war und warum, war ja auch keine Zeit dafür (zumindest habe ich das so gefühlt). So war es auch kein Wunder, dass es Spieler gab, die nach dem Tod ihres Charakters einfach nur den Namen austauschten und weiter ging es.
    Eine Hintergrundgeschichte ? Für wen? Für was? Spielte doch eh keine Rolle.
    Das hat mir definitiv im Nachhinein betrachtet nicht sehr gut gefallen.

    Mit großer Begeisterung bin ich deshalb Tobias nach Natamis gefolgt. Eine völlig unbekannte Welt. Es sollte anders werden unser Rollenspiel. Weniger Kampf, mehr Rolenspiel. Alleine wie sich unsere Figuren kennen lernten fand ich schon toll.
    Ich kann für mich sagen, dass es mir sehr viel mehr Spaß macht unser Rollenspiel. Am liebsten würde ich jeden Tag nach Natamis reißen, um mit meinen Gefähten Abenteuer zu erleben.

    Tobias hat hier vieles richtig erkannt, die Schlüsse daraus gezogen und mit uns umgesetzt. Denke wir haben jetzt alle jede Menge Spaß.

    Ein dickes Danke an Tobias für all seine Mühe, die Zeit und sein Engagement, welches er neben Familie, Beruf und Hausbau für unser gemeinsames Hobby investiert.

  2. Anmerkung: Meine Spieler werden mit falschen Versprechungen über magische Belohnungen und Extra-Erfahrungspunkten gezwungen, derlei Posts zu verfassen… Und ja, sie übertreiben es bisweilen :-)

  3. Je mehr ich mich wieder mit Rollenspiel beschäftige, umso stärker gebe ich Dir recht: Die Idee, durch eine regelmäßige Erscheinung von Abenteuerheften einen stetigen und guten Output an Hintergrundideen, -informationen, Storyhooks und Regionalbeschreibungen anzubieten, mit denen der Leser mitwächst, ist in allen Belangen einfach sinnvoll. Die Spielleiter finden genügend Anreize, darauf ableitend vielleicht auch eigene Abenteuer zu generieren.
    In meiner Jugend habe ich vor allem DSA (3) gespielt und da war es eben anders herum: Während einzelne Gebiete noch relativ unbeschrieben waren, waren andere schon so detailliert, dass es fast schon an ein Korsett an Informationen gebot.
    Ich finde die Idee der Abenteuerpfade da eine sehr spannende Alternative, wobei ich bei der Aussage, man bräuchte vor allem Abenteuer, etwas schmunzeln musste: Allgemein erscheint mir Pathfinder doch sehr stark eine Cashcow zu sein: Neben den Abenteuerpfaden gibt es noch eine Tonne von Regelmodulen, Ergänzungen und Erweiterungen, die mich als interessierten Menschen, der vor dem Ladenregal steht, einfach nur erschlagen. Klar, Paizo will Geld verdienen, aber der Output scheint dann doch enorm :-)

    Anyway, viel Spaß auf Natamis. Ich werde hier mal weiter mitlesen ;-)

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