Der Kern allen Übels – I

Im Flackern der Flammen tanzten die Schatten. Baltor saß weit zurück gelehnt in dem weichen Stuhl. Hinter dem riesigen Schreibtisch aus schwerem, dunklen Holz wirkt er wie ein Puppe in einem zu großen Puppenhaus. Sein Gesicht war eingesunken, die Augen halb geschlossen. Sein Körper schrie nach der Erholung eines langen Schlafes, die ihm so lange schon verwehrt worden war.

Winzige Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Dabei fror Baltor innerlich angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die er in den Tagebüchern und Aufzeichnungen des Kultisten Steav fand. Der große Kamin spendete Licht, nachdem die Kerzen auf dem Schreibtisch längst abgebrannt waren und der heiße Wachs zu blinden Seen auf Papieren und zwischen Dokumenten erstarrt war. Das Feuer heizte den Raum in den letzten warmen Abenden des Jahres aber unnötig auf. Die dicken Mauern speicherten die Wärme der Sonne. Baltor hielt die Hände vor dem Gesicht gefaltet. Vor seinem Geiste flackerte die Liste der Anhänger Steavs. Und hinten in seinem Geiste raunten die Stimmen seiner Lehrer all die Dinge, die jetzt wichtig waren.

Baltor von Kaltenhof hatte seine Reise in die südlichen Teile der Baronie voller Freude und Tatendrang angetreten, war ihm doch unmittelbar zuvor die Ehre zuteil geworden, in den Rang eines Quartus erhoben zu werden. Diese Reise durch das südliche Karrûk sollte ihn bis an die Grenze der Steppen führen und er wusste aus der Vergangenheit, dass, je näher er der Grenze kam, auch die Festigkeit im Glauben wankte. Aber eine kultische Verschwörung des Ausmaßes, wie sie sich nun in Thelfelden offenbart hatte – nicht im Traum hätte Baltor sich dies auszumalen gewagt.

Die Schatten tanzten weiter. Und während Baltor ihrem Spiel halb träumend folgte, dachte er daran, dass sie eine merkwürdige Mischung darstellten. Obwohl sie sich immer veränderten, nutzten sie doch einen beschränkten Rahmen an Formen der bestimmt war durch die Gegenstände zwischen Feuer und Wand. So sehr sich die Dinge auch wandelte, in ihrem Kern blieben sie stets gleich. Diese Erkenntnis erinnerte ihn an einen wichtigen Lehrsatz der Kirche und seine Aufmerksamkeit tauchte auf dem halbschlafenden Zustand auf in das Hier und Jetzt. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen. Eine schwierige Aufgabe.

In der dah’ihtischen Kirche war die Inquisition nicht unumstritten, zumal sie eng verknüpft war mit dem Ansehen der Kirche. Andererseits war es notwendig, frevlerische Gedanken im Keim zu ersticken. Ein Geschwür breitet sich aus, wenn es nicht vollständig entfernt wird. Dies mag im Einzelfall die Entfernung einer Gliedmaße zur Folge haben, ist aber für den Körper insgesamt das kleinere Übel. Trotzdem regte sich Kummer in Baltor. Die Liste der Namen war lang. Steav hatte ein kompliziertes Netz aus Bestechungen und Drohungen, kultischer Verehrungen und Angst geknüpft, das über die Grenzen Thelfeldens hinaus reichte.

Die Inquisition würde gründliche Arbeit leisten. Die Auswirkungen auf den unschuldigen Teil der Bevölkerung hingen im Wesentlichen davon ab, welchen Inquisitor Primus Offart aus Bocan entsenden würde. Das vernarbte Gesicht des einäugigen Armin Kesslers kam Baltor in den Sinn und ein Schauder lief über seinen Rücken. Kessler war der erste Inquisitor, den Baltor kennengelernt hatte – und als solcher hatte er einen starken Eindruck auf das Bild des jungen Novizen von der Inquisition gemacht. Kessler war alt – aber erfahren. Und daneben brachte er mit seine Schar vielleicht eine Fähigkeit mit, die in Bezug auf Thelfeldens spezielles Problem besonders wertvoll war.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Baltor, dass sich die Schatten verändert hatten. Er zuckte zusammen. Fas wäre er wieder eingeschlafen. Er zwang sich, eine aufrechte Haltung in seinem Sessel, der einst Steavs Sessel gewesen war, einzunehmen. Und da fiel sein Blick auf die Ratte, die mitten auf dem Schreibtisch saß und ihn aus winzigen Augen böse anfunkelte. Die Ratte war völlig regungslos und starrte nur. Baltor starrte zurück. Der erste Schreck war einer grimmigen Entschlossenheit gewichen. Und auch wenn sich unmittelbar Bilder der Kreaturen auf dem Keller in sein Bewusstsein drängten, war er immer noch ein Quartus der Heiligen Kirche!

Langsam, den Blick unverwandt auf die Ratte gerichtet, glitt seine Hand zu seinem Stab, der neben ihm am Schreibtisch lehnte. In diesem Moment hörte Baltor das Trippeln unzähliger kleiner Füße vor der Tür – und dann einen Schrei. Plötzlich stieß die Ratte auf dem Schreibtisch ein schrilles Quieken aus – und stürzte sich mit gebleckten Zähnen auf den Dah’Ihten.

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