Der Kern allen Übels – II

Unmerklich veränderte sich die Luft. Adrian duckte sich an den Rücken seines Pferdes und galoppierte über die breite Handelsstraße in östliche Richtung – dem Meer entgegen. Dessen Vorahnung erfüllte die Luft mit einem salzigen Geschmack. Oder war es der Schweiß des Pferdes?

Adrian wusste, dass er das Tier an die Grenzen seiner Belastbarkeit trieb. Er wusste aber auch, dass seine Mission keinen Aufschub duldete. Vor ihm erhob sich schwerfällig die Sonne aus dem Meer, strahlte mit blutrotem Feuer die Wolkenwirbel an, der über den Ruinen der versunkenen Stadt träge dahin trieben. Die ersten Anzeichen von Zivilisation wurden sichtbar; Felder, vereinzelte Bauernhäuser, die Hütte eines Holzfällers.

Adrian zügelte sein Pferd und ließ es im gemächlicheren Tempo weiter traben, auch, um seinen Liktoren die Möglichkeit zu geben, zu ihm aufzuschließen. Kalm in seiner verschnürten Lederrüstung und mit seinen strahlend weißen Haaren zu seiner Linken und Zash zu seiner Rechten, die entblößte Haut über und über mit Tätowierungen bedeckt, das Haar wild zerzaust. Adrian lächelte – Zash ritt ohne Sattel und wirkte trotzdem missmutig ob des Umstandes, dass sie eine Straße benutzten. Adrian wusste, dass sich seine Liktorin im benachbarten Wald viel wohler gefühlt hätte. Auch die Aussicht, in eine Stadt zu reiten, verdarb der wilden Frau die Stimmung.

So wunderte es den Inquisitor nicht, dass sie ein leises Knurren ausstieß, als die Häuser Thelfeldens in Sicht kamen.

* * *

Die Kälte jenseits der Decke ließ Marie erschauern. Sie war eben aus dem Bett geschlüpft und stand nackt in der engen Hütte, nur von den spärlichen Resten Mondlicht betrachtet, die durch das enge Fenster drangen. Marie mochte die Kälte der Nacht. Sie hatte sorgsam darauf geachtet, dass das Feuer nicht zu hoch aufgeschichtet war und schnell niederbrennen konnte. Die Hütte selbst war schon alt und zugig.

Marie wischte das Blut an der Klinge in ihrer Hand am Bettlaken ab. Und dann nahm sie den vertrauten, fernen Geruch von Anis wahr. „Verdammt“, verfluchte sie sich in ihren Gedanken, bevor sie in einer geschmeidigen Bewegung herum wirbelte. Sie konnte in der Dunkelheit eine gebeugte Gestalt ausmachen, die schweigend in der Ecke des Zimmers stand und deren kalten Augen sie schweigend betrachteten. In diesem Schweigen lagen so viele Fragen und so viele Vorwürfe, dass Marie sie fast körperlich spüren konnte.

Schließlich seufzte die Gestalt. „Es hat lange gedauert. Dabei haben wir keine Zeit für Vergnügen.“

Eine schnippische Erwiderung kam Magie in den Sinn, die zu unterdrücken ihr Mühe machte. „Ja“, nickte sie statt dessen knapp. Und – wenig überzeugend – „Es tut mir leid.“

„Nein, das tut es nicht“, erwiderte die Gestalt sofort scharf. „Du wirst es wohl nie verstehen, wie unwichtig das Vergnügen ist. Wie flüchtig. Dies ist nicht unsere Welt.“ Sie deutete auf den leblosen Körper im Bett. „Wir haben eine andere Aufgabe zu erfüllen.“

Die Predigt war alt. Zu alt. Marie war versucht, sie in einen Streit eskalieren zu lassen und ihr Blick fiel unwillkürlich auf den kalten Stahl in ihrer Hand, der von den letzten Resten Mondlicht glitzerte.

Die gebeugte Gestalt im Schatten lachte in einem unfröhlichen Ton auf. „Daran denke nicht mal.“

Marie zuckte mit den Schultern. Sie legte die Klinge auf das Bett und sog tief die kalte Nachtluft in sich ein. Atemzug um Atemzug. Mit jedem verließ sie mehr und mehr die Erinnerung an die Nacht, an die Hingabe und an die Wärme von Kazans Körper. Mit jedem Atemzug verblasste der Name, bis da nur noch eine leblose Hülle im Bett lag. Mit jedem Atemzug ergriff eine tiefe Kälte von ihrem Herzen Besitz.

Marie bückte sich, hob ihre Sachen auf und begann, sich anzuziehen.

Die Gestalt im Schatten schien zustimmend zu nicken. „Unser Plan entwickelt sich in wunderbarer Weise. Schon in wenigen Tagen werden wir die Freude haben, einen Inquisitor als unseren Gast begrüßen zu dürfen. Du wirst Dich um ihn kümmern.“

„Ja, Mutter“, sagte Marie folgsam, ohne jeden Widerstand in Haltung oder Stimme, während sie gerade in ihre hohen Stiefel schlüpfte. Sie steckte die Klinge in das verborgene Futter ihrer Weste.

„Und denke daran, die Körper mitzunehmen“, ermahnte die Gestalt – bevor sie von einem Moment auf den anderen mit der Dunkelheit verschmolzen war.

* * *

Darian hatte Baltor mit heftigem Pochen aus dem Schlaf gerissen. Zu Recht – es war spät genug zum Aufstehen. Die Sonne war bereits aufgegangen. Aber Darians Faust hatte eine andere Dringlichkeit geführt.

Baltor hielt vor dem Tür zu Steavs Arbeitszimmer kurz inne, richtete die Robe und das Allsehende Auge, das Zeichen seiner priesterlichen Würde war und nahm noch einen tiefen Atemzug, um sich zu beruhigen. Dann trat er, ohne anzuklopfen, ein.

Sofort wirbelte eine junge Frau mit zerzausten Haaren, den blauen Linien von Tätowierungen in ihrem Gesicht und blassen Augen von entfernt orangener Farbe herum. Wie aus dem Nichts hielt sie einen Dolch auf Baltor gerichtet.

Der Mann, der vornübergebeugt hinter dem Schreibtisch saß, vertieft in die Lektüre eines Stapels Papiere, hob die Hand. Die Frau knurrte Baltor drohend an, steckte den Dolch aber weg. Hinten, am Fenster des Raumes, stand ein zweiter Liktor; hoch gewachsen, dem Raum den Rücken zugewandt, die Haare von leuchtendem Weiß.

Baltor von Kaltenhof erinnerte sich daran, dass man viele Inquisitoren eher an ihren Liktoren als an ihrem Gesicht erkannt. Und er schluckte. Vielleicht wäre Armin Kessler doch die bessere Wahl gewesen.

„Sind dies Eure Aufzeichnungen, Quartus?“ fragte Inquisitor Adrian Samas, ohne den Blick zu heben.

„Ja, Inquisitor.“ Die Stimme schwankte leicht, was Baltor ärgerte. Er versuchte, seine Sicherheit zurück zu gewinnen und setzte hinzu: „Ich hatte ja keine Ahnung, dass…“

„Schweigt!“ befahl Adrian ruhig.

Baltor gehorchte. Ohne es zu wollen. Hatte er Angst? Ja, musste er sich eingestehen. Ja, er hatte Angst. Adrian Samas galt deshalb ein besonders gefährlicher Inquisitor, weil er häufig abtrünnige oder häretische Priester jagte. War es Zufall, dass Samas hier war? Hatte Baltor sich etwas zu schulden kommen lassen?

„Quartus Baltor von Kaltenhof.“ Mit diesen Worten erhob sich der Inquisitor aus dem Stuhl. Baltor deutete eine Verbeugung an, wusste aber nicht, ob noch mehr von ihm erwartet wurde. „Haben Sie jemals einer inquisitorischen Untersuchung beigewohnt?“

„Nein, Inquisitor.“

Adrian Samas trat hinter dem Tisch hervor und an den offen stehenden Tresor über dem Kamin heran. Er hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Vor dem Tresor blieb er mit leerem Blick stehen. Es schien fast so, als würde er schnuppern. „Hier war etwas, Quartus“, sagte er leise, aber ohne jede Milde in der Stimme. „Ich kann es deutlich spüren. Ein Gegenstand größer, häretischer Macht…“ Der Inquisitor schloss die Augen und hielt den Kopf leicht schief, als lausche er einem Flüstern.

Die merkwürdige Frau, die einen kurzen Reisemantel trug, hatte einen Beutel von ihrem Gürtel gelöst und begonnen, das Bücherregal mit einer dicken, rötlichen Paste zu bestreichen.

Mit einem Mal war der Inquisitor wieder ganz bei der Sache. Baltor straffte sich und klammerte sich an seinen Stab. Der kalte Blick des Inquisitors senkte sich auf den jungen Priester, der etwa einen Kopf kleiner war als der kahlköpfige Mann. Adrian Samas streckte seine Hand aus und der Kristall in der Spitze von Baltors Stab schien zu erstrahlen. Aus ihrem lösten sich feine Bänder Licht, tänzelten um den Kern des Steines und schwebten von einer sanften Brise getragen, durch die Luft, zu der wartenden Hand des Inquisitors.

„Quartus Baltor von Kaltenhof“, intonierte Adrian erneut, diesmal mit einer tieferen Stimme. „Ist es zutreffend, dass Ihr bei Eurer Ankunft eine Gruppe von zwei Zwergen, einem Halb-Ork, einem Gnom und zwei Menschen im Kampf gegen Rattenwesen angetroffen habt, die auf zwei Beinen gehen und sich merkwürdig menschlich verhalten?“ In der Stimme lag eine solche Strenge, dass der Priester erschauderte. Er wusste, dass er gar keine Antwort geben musste, dann die Wahrheit hing in den leuchtenden Fäden zwischen ihnen.

„Ja“, nickte von Kaltenhof.

„Ist es zutreffend, dass Ihr in dem Tresor dieses Hauses einen Euch unbekannten Gegenstand gefunden habt, der wie ein Zepter mit einem blauen Edelstein anmutete und der in einem Behältnis mit euch unbekannten Schriftzeichen aufbewahrt wurde?“

„Ja.“

„Ist es zutreffend, dass dieser Gegenstand von den besagten Rattenwesen gestohlen wurde?“

„Ja“, antwortete Baltor, aber diesmal durchlief ein Zucken die Lichtfäden.

Der Inquisitor legte den Kopf schräg.

„Das heißt…“ Baltor dachte nach. „Ich kann es nicht sicher sagen. Ich hatte das Behältnis entdeckt und seinen Inhalt betrachtet, bevor ich es in den Tresor zurück legte und mich den Unterlagen widmete, um die Beweise für das kultische Treiben…“

„Habt Ihr den Tresor verschlossen?“

Habe ich…? Baltor schüttelte den Kopf. „Ja.“

„Hattet Ihr den Tresor zuvor geöffnet?“

„Nein. Das war der eine aus dieser Gruppe gewesen… Jaros, oder Jiri.“

„Habt Ihr den Diebstahl des Behältnisses beobachtet?“

„Nein, Herr.“ Heftiges Kopfschütteln. „Ich war von Ratten angegriffen worden. Ein ganzes Rudel. Sie haben mich überwältigt. Ich bin erst viel später zu mir gekommen. Da war überall Rauch. Das Haus brannte.“ Obwohl es erst zwei Tage her war, wurde Baltor bewusst, wie weit er diese Erinnerung schon verdrängt hatte. Die Lichtfäden begannen, leicht zu pulsieren. „Ich lag hier auf dem Schreibtisch. Jiri und seine Begleite, der dicke Zwerg und der Ork, haben mich geweckt.“

„Ist es zutreffend, dass, nachdem Ihr wieder zu Euch gekommen seid, das Behältnis verschwunden war?“

„Ja.“

„Habt Ihr gesehen, wie die Ratten das Behältnis genommen haben?“

„Nein, Herr.“

Der Inquisitor nickte und ließ seine Hand sinken. Die leuchtenden Fäden verblassten. „Ich fasse also zusammen: Ihr lasst den Tresor, in dem Ihr wichtige Beweise in einem Prozess gegen einen gotteslästerlichen Kult vermutet von einer Person öffnen, die nicht im Dienste der Kirche steht. Ihr entdeckt dort einen Gegenstand, dessen Bedeutung Ihr nicht einschätzen könnt und belasst ihn in eben diesem Tresor, den diese Person mit Leichtigkeit geöffnet hat. Ihr werdet von „Ratten“ angegriffen, deren Motive Ihr nicht kennt und werdet „gefunden“ von Jiri und seinen Gefährten – just zu dem Zeitpunkt stellt Ihr den Verlust des Gegenstandes fest.“ Der Inquisitor betonte die Worte Ratten und gefunden auf unangenehme Weise. So, wie er die Sache schilderte…

Plötzlich riss Inquisitor Adrian Samas die Hand wieder empor; die Leuchtfäden flammten auf und ein schmerzhafter Stich raste durch Baltors Verstand. „Wo sind Jiri und seine Gefährten jetzt?“

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