Der Kern allen Übels – III

Was für eine Verschwendung. Baltor stand auf seinen Stab gestützt und beobachtete die brüllenden Flammen, die das einstmals stolze Anwesen niederrangen. Schwarze Rauchschwaden standen gegen den Wind, der heftig landeinwärts blies. Wenn der Inquisitor ein Zeichen setzen wollte – dies war ihm gelungen.

Baltor schüttelte den Kopf. Was für eine Verschwendung, dachte er wieder. Vor Kurzem hatten sie noch gegen die Flammen gekämpft und das Haus gerettet. Und nun brannten sie es nieder. Die Wunden seiner Leibwächter waren noch nicht vollständig verheilt; Darian trug noch immer den Verband am Arm.

Die Einwohner Thelfeldens hatten sich versammelt, um dem Schauspiel beizuwohnen. Sie hielten respektvollen Abstand von dem Inquisitor und seinen beiden Liktoren, die grimmige Blicke auf das Feuer gerichtet hatten. Sogar Quartus Baltor von Thelfelden stand mit seinen Paladinen etwas abseits. Seine Gedanken waren bei Vanessa Urdon, die er zusammen mit der merkwürdigen Gruppe in die Tiefe geschickt hatte, um das gestohlene Artefakt zu begehen.

War er zu vertrauensselig gewesen? Hatte er zu vorschnell gehandelt? Seit dem kurzen Verhör, dem der Inquisitor ihn unterzogen hatte, nagten Zweifel an Baltor. Hatte er in dieser Sache im Sinne der Kirche gehandelt? Hätte er Jiri und seine Gefährten als potentielle Häretiker betrachten müssen? Hatte er Vanessa in ihr Verderben geschickt?

Diese Gedanken führten weiter. Und sie führten in Regionen, die Baltor kalte Schauer über den Rücken jagten und ihn nachts Schweiß gebadet hatten aufschrecken lassen. War er selbst verdächtig? Oder schuldig?

* * *

Obwohl sein Blick starr auf die Flammen gerichtet war, sah Adrian sie nicht. Sein Blick ging in eine Weite hinter dahinter. Durch seinen wachen Verstand schwirrten die Oberflächengedanken der Umstehenden. Er spürte die Sorgen des Quartus. Er hörte das Flüstern der Angst bei den Bürgern dieser Stadt. Ihr Bedauern, nicht jeden Sonnentag an einer Messe teilgenommen zu haben. Die Frage, was als nächstes geschehen würde.

Adrian war sich der Furcht, die sein Erscheinen auslöste, durchaus bewusst. Sein Ruf war eine wirksames Mittel, eine weitere Waffe in dem ewigen Kampf, den er und die Kirche führten. Er wusste, dass das nur die Wenigsten verstanden. Die anderen Wege waren einfacher, weniger steinig. Weniger einsam.

„Die Angst ist Rüstung und Schneide des Inquisitors zugleich“, hatte Kessler ihn gelehrt. „Wir tragen sie vor uns her, damit die Menschen uns fürchten. In einer Weise, die ihnen deutlich macht, dass ein gottesfürchtiger Mensch eben nichts zu fürchten hat.“ Die Schwierigkeit bestand nur darin, hatte Adrian bald herausgefunden, die Wahrheit zu erkennen. Nicht für ihn, nein. Aber für die Menschen. Die Worte der Verführer waren schmeichelnd. Sie versprachen Macht, Reichtum und Einfluss. Wer auch immer einen frevlerischen Kult führte, tat dies zu seinem eigenen Vorteil und er brauchte die Unterstützung der anderen, weshalb er sie teilhaben ließ.

Wie auch in diesem Ort, der weit weg von der Kirche war, der nicht einmal einen eigenen Priester hatte. Wie sollte hier der Glaube an das Licht gedeihen, wo die Dunkelheit so mächtig war? Gerade hier, neben den Ruinen einer mächtigen Stadt, die durch unvorstellbare Kräfte vernichtet worden war. Alle Magie entstammte der Dunkelheit. Adrian hätte es nicht gewundert, wenn der Untergang Thelis nicht den ein oder anderen Riss erzeugt hätte.

Konnte er von den Menschen unter diesen Umständen tatsächlich Standhaftigkeit erwarten? Steav hatte sie benutzt, hatte für die Stadt vieles getan, um seine Position zu festigen und seine Macht zu mehren. Bei all den weltlichen Verbrechen war es nicht geblieben.

Aber Adrian glaubte fest daran, dass die Menschen immer eine Wahl hatten. Immer. Oft fehlte der Mut, die richtige Entscheidung zu treffen. Aber dann musste man die Konsequenzen tragen. All die Angst, all die flüsternden Sorgen – sie waren berechtigt.

* * *

Baltor stand auf dem Balkon seines Zimmers und schaute auf das Meer hinaus. Es erstreckte sich in die Unendlichkeit. Der Himmel war klar. Nur zwei, drei Wolken brannten im Licht der untergehenden Sonne. Von dem Anwesen war nur noch ein Haufen rauchender Trümmer geblieben. Inquisitor Samas hatte das Gasthaus „Zum alten Thelis“ beschlagnahmt, was sich deshalb als einfach herausgestellt hatte, weil der Besitzer Steav gewesen war. Neben dem Inquisitor und seinen Liktoren waren auch Baltor und seine Paladine in das Gasthaus gezogen. Musste Baltor sich Sorgen machen, weil der Inquisitor ihn in seiner Nähe wissen wollte? Oder war das nicht vielmehr eine Geste des Vertrauens?

Der Inquisitor hatte außerdem die kleine Garnison der Stadtwache beschlagnahmt und die Wachen zusammen mit ihrem Hauptmann suspendiert. Hauptmann Rovan war am Vormittag einer längeren Befragung unterzogen worden und jetzt Zuhause. Stand er unter Hausarrest?

In die Garnison waren die Soldaten eingezogen. Dem Inquisitor war eine Abteilung kirchlicher Soldaten gefolgt, die nicht so schnell reisten wie ihr Herr. 50 bewaffnete und hervorragend ausgebildete Männer und Frauen, deren vornehmliche Aufgabe nun darin bestand, die Straßen abzusperren und die Ausgangssperre durchzusetzen.

Immerhin hatte Baltor eines der drei großen Zimmer mit Balkon zur Meerseite zugeteilt bekommen. Der Balkon zu seiner Linken war leer. Er gehört zu dem größten der drei Zimmer, das der Inquisitor zu seinem Arbeitszimmer gemacht hatte. Daneben wohnten er und seine Liktoren. Einer, der weißhaarige Kalm, trat eben auf den Balkon. Der untere Teil seinen Gesicht war von einer einfachen Maske verdeckt. Die Augen strichen über Thelfelden, verharrten hier und dort einen Moment. Dann schien sich die Anspannung in der Haltung des Liktors zu lösen.

Baltor fand es unmöglich, das Alter des Mannes zu schätzen. Die Haarfarbe war vermutlich keine Folge der Jahre. Die Augen waren wach und von einem lebendigen Grün. Kalm versprühte eine eigenartige Energie, auch wenn er stets ruhig war. Baltor könnte sich nicht daran erinnern, schon ein Wort des Liktors gehört zu haben.

Kalm blickte direkt in seine Richtung und schenkte dem Quartus ein knappes Nicken, das alles Mögliche bedeuten konnte. Vielleicht, dachte Baltor, musste er sich davon befreien, geheime Bedeutungen zu sehen. Vielleicht wäre es besser, einfach seine Pflicht zu tun – die nun darin bestand, tägliche Messen zu feiern und in dem riesigen Schankraum des Gasthofes eine provisorische Kapelle einzurichten.

* * *

Rovan konnte nicht länger in die Flammen starren. Seine Gedanken rasten um die immer gleichen Fragen, wirbelten in einem Kreis, ohne sich je einer Antwort zu näheren. Das könnte so nicht weitergehen.

Er riss sich vom Spiel der Flammen los, sprang aus dem Sessel und warf sich seinen Mantel über die Schulter.

„Rovan?“ rief sein Vater aus seiner Schlafkammer am Ende der schmalen Treppe.

„Ich muss noch mal weg“, antwortete Rovan nur knapp und zog die Tür hinter sich zu. Die Antwort des alten Mannes verschluckten die Wände. Es war kühl, sobald die Sonne versank. Über dem Meer Bräuten sich ein paar Wolken zusammen, die innen von rötlichen Blitzen erleuchtet wurden. Rovan hatte sein ganzes Leben in Thelfelden verbracht. Er war von den Wetterphänomenen über den Ruinen der versunkenen Metropole immer fasziniert gewesen und hatte versucht, Ihnen irgendeine Bedeutung beizumessen. Erfolglos. Mit hastigen Schritten eilte er durch seine Heimststadt, die seltsam verlassen wirkte.

Der Inquisitor hatte deutlich gemacht, dass nach Einbruch der Dunkelheit niemand mehr sein Haus verlassen durfte. Rovan war sich des Verstoßes schmerzlich bewusst, aber es gab für ihn keine Alternative. Zuhause war er zu nahe an den Wahnsinn gedriftet. Was hatte der Inquisitor mit seinen Fragen bezweckt? War er, war Rovan verdächtig? Er, der er sein ganzes junges Leben in den Dienst seiner Stadt gestellt hatte? Der auf alles verzichtet hatte, um seinen kranken Vater zu pflegen?

Tränen drohte , in seine Augen zu treten. Rovan konnte diese Ungerechtigkeit nicht ertragen. Er war ein gottesfürchtiger Mann. Er hatte für den Frieden in seiner Stadt gekämpft und in diesem Kampf Freunde und seinen Mentor verloren. Die letzten Wochen hatten sein Leben so vollständig umgekrempelt, dass er immer noch keine Gelegenheit gehabt hatte, das alles neu zu ordnen. Und jetzt sollte er verdächtig sein? Oder was hatten die unnachgiebigen Blicke des eiskalten Mannes sagen wollen?

Rovan erreichte den „Zerbrochenen Krug“. Die Kneipe war leer. Zwei einsame Gestalten hatten an getrennten Tischen den Kopf über den Humpen Bier gesenkt. Die Stille wurde nur von dem Knistern des Kamins unterbrochen. Die Holzscheite waren weit herunter gebrannt. Zeit, zu schließen.

Wie lange war es her…?

„Rovan?“ Diese Stimme. Dieser völlig überraschte Ausdruck. All diese Monate… Er wandte sich um und starrte Eshonai wortlos an. Sie starrte zurück. Ihre Blicke trafen sich, umschlangen sich und hielten sich zäh tropfende Sekunden vergessener Geborgenheit aneinander fest. Bis sie den Blick zu Boden senkte. „Was führt Dich hierher?“ Ihre Frage war ein Flüstern.

Rovan merkte, dass seine Hände zitterten. Und ihm wurde bewusst, dass er gar nicht vor gehabt hatte , hierher zukommen. „Ich…“, versuchte er, brach ab, holte tief Luft. „Ich…“, in einem zweiten Versuch.

Eshonai bemerkte, wie schwer es ihm fiel, Worte zu finden. Nun, das war noch nie seine Stärke gewesen. Sie lächelte, fast zärtlich. „Magst Du was trinken?“

Rovan nickte und lächelte Eshonai dankbar an, bevor er sich auf einen Hocker an der Theke setzte. Nah bei ihr. An der Erinnerung, in denen es außer ihnen nichts gegeben hatte.

* * *

Noch bevor Adrian wach wurde, spürte er die Veränderung. Er atmete flach weiter, ließ aber die Augen geschlossen. Seine Sinne waren bis zum Äußersten gespannt. Und dann spürte er die Bewegung mehr als er sich hörte oder sah. Da war jemand in seinem Zimmer. Sein Herzschlag beschleunigte sich, aber Adrian zwang ihn mit ruhigem Atem wieder hinab.

In seiner Brust pulsierte eine beruhigende Wärme. Dahs Nähe. Adrian konzentrierte sich. Seine Lippen formten stimm ein Gebet. Dann ballet er die rechte Hand zur Faust. Augenblicklich wurde das Zimmer von gleißendem Licht erfüllt. Im selben Augenblick warf sich der Inquisitor auf der rechten Seite aus dem Bett, um die Schlafstätte zwischen sich und dem Eindringling zu haben. Den Bruchteil einer Sekunde später stieß Zash die Tür auf und sprang mit gezückten Messern herein.

Beide – der Inquisitor und seine Liktorin – starrten auf den Eindringling: eine junge, wunderschöne und bis auf einen Fetzen Stoff nackte Frau, die mit ihren Händen die Augen vor der durchdringenden Helligkeit schützte. Zwischen den Fingen rannen Tränen. Ein Schluchzen ließ ihren Körper erbeben, bevor sie auf die Knie brach.

Adrian konnte sich nicht erinnern, Zash jemals solange regungslos gesehen zuhaben. Die wilde Frau stand da, starrte auf die in Tränen aufgelöste, am Boden kauernde Frau. Die Messer in ihren Händen wirkten merkwürdig deplatziert. Zash schien es sogar unangenehm, die Frau in ihrer Verletzlichkeit zu bedrohen.

Dann gab sich die Liktorin einen Ruck. Mit einem Kopfschütteln schnellte sie vor, brachte sich zwischen den Inquisitor und die Fremde. Die Haltung gewohnt geduckt, lauernd, wie eine Raubkatze.

Adrian erhob sich und strich sein Nachtgewand glatt. Mit einer beiläufigen Geste entzündete sein Wille die Kerzen im Raum, während das gleißende Licht erlosch. Er kam um das Bett herum.

„Wen haben wir denn da?“ fragte er neugierig.

Der Körper, so weiß, so zerbrechlich, zitterte. Unter dem Schluchzen vernahm der Inquisitor einen Namen: „Marie…“

One thought on “Der Kern allen Übels – III

  1. Ich finde es außerordentlich spannend, dass hier auch geschildert wird, was bei den NSCs geschieht, während die Abenteuergruppe im Dungeon weilt.

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