Aber…die Riesen in Xin’Shalast

Im sechsten Teil des Abenteuerpfades Das Erwachen der Runenherrscher reisen die Charaktere in die legendäre Stadt Xin’Shalast, die keineswegs so ausgestorben ist, wie das ihre lange Abgeschiedenheit vermuten lassen könnte. Unter anderem versammelt sich dort – in den abgeschiedenen Bergen in einer Höhe von immerhin über 4.500 Metern – eine Armee von Riesen als treue Krieger Karzougs.

Laut der Beschreibung im Abenteuer befindet sich nahe des Eingangs von Xin’Shalast ein Lager. Dort versammeln sich die als Verstärkung eintreffenden Riesen, die perspektisch ihren Lebensunterhalt als Eroberer Varisias verdienen wollen.

Bei der Vorbereitung des Abenteuers seinerzeit war mein erster Gedanken: “Cool, als Spieler schneiden wir erstmal den Nachschub ab.” Ich habe dann feststellen müssen, dass erstens mich dieser Gedanken nie wieder losließ und zweitens das Abenteuer diese Möglichkeit gar nicht vorsieht, ja, nicht einmal mit einem Wort erwähnt, wie die Riesen-Armee versorgt wird.

Ich habe versucht, mir das mal zu vergegenwärtigen – und wollte diese Gedanken teilen. Laut Abenteuer umfasst das Lager circa 500 Riesen, davon die Mehrheit Hügelriesen. Diese werden – wie wir aus einem Blick in das Bestiary lernen – bis zu 100 Jahre alt, 3 Meter groß und circa 500 Kilo schwer.

Wie hoch ist nun der tägliche Energiebedarf eines Riesen? Um diese Frage für Menschen zu beantworten, wird unter anderem die Formel nach Harris und Benedict (1919) verwendet. Tun wir mal so, als könnte man diese auf Riesen übertragen, denn was sollte dagegen sprechen?

Die Formel sieht so aus: Grundumsatz (kcal/d) = 66,473 + 13,752 * Körpergewicht [kg] + 5,003 * Körpergröße [cm] – 6,755 * Alter [Jahre]. Mit einer exakten Umrechnung der Fuß- und Pfund-Angaben komme ich insgesamt auf 7.753,43 kcal pro Tag Grundumsatz. Da kommt noch der Leistungsumsatz hinzu. Dieser wird als Vielfaches des Grundumsatzes beschrieben und zwar abhängig vom physical acitivity level (PAL). Bei Büroangestellten liegt dieser zwischen 1,4 und 1,5, bei Bauarbeitern, Landwirten, Leistungssportlern und dergleichen zwischen 2,0 und 2,4.  Um fair zu bleiben, schlage ich die Kategorie “überwiegend gehende und stehende Arbeit” bei wenig Freizeitaktivität vor, also einen PAL von 1,8-1,9.

Ein Riese hat also einen Tages-Energiebedarf von 14.343,85 kcal.

Nehmen wir an, die Riesen würden sich nur von Rindfleich ernäheren – immerhin kommen Rinder in dem Abenteuer als Nahrungsquelle vor. Ein Rind ist im Schnitt 600 bis 700 Kilogramm schwer, wobei Rinder in diesen Höhenlagen eher magerer sein dürften. Die Schlachtausbeute – also das bei der Schlachtung verwertbare Fleisch – liegt heute für Rinder bei 50 bis 60 Prozent des Lebendgewichts. Das heißt, aus einem großen Rind könnte der Riese maximal 420 Kilogramm essbares Fleisch gewinnen.

Rindersteak hat einen Energiegehalt von 229 kcal pro 100 Gramm oder 2290 kcal je Kilo. Ein Rind ergibt mithin 961.800 kcal. Mithin kann 1 Rind 67 Riesen am Tag satt machen. Wir haben laut Abenteuer 500 Riesen, also verbraut das Lager am Tag etwa 7,5 Rinder.

Anderes Beispiel: Hühner. Ein Huhn wiegt je nach Art 1,5 bis 5,5 Kilogramm, hat einen Energiegehalt von 166 kcal/100 g und eine Schlachtausbeute von 69 %. Also pro Huhn 4.023,39 kcal. Das Lager bräuchte also etwas mehr als 1.782 Hühner am Tag. Jeden Tag!

Nehmen wir an, die Riesen seien Vegetarier und würden ausschließlich Brot essen (Weizenvollkornbrot). Dieses hat je Kilogramm einen Energiegehalt von 2.020 kcal. Jeder Riese braucht also etwas mehr als 7 Brote am Tag (macht 3.500 Brote für das Lager). Je Kilo Brot brauche ich ein Kilo Mehl 500 ml Wasser. Je Kilo Mehl veranschlagt man etwa 2 Quadratmeter Ackerfläche. Mit anderen Worten, um das Brot, das die Riesen jeden Tag essen, brauchen sie für jeden Tag 3.500 Kilo Brot, also 3.500 Kilo Mehl oder 7.000 Quadratmeter Ackerfläche. Das sind nur 140 Quadratmeter weniger als ein Fußballfeld nach FIFA-Standard.

Mit all diesen Zahlen im Kopf werfe ich einen Blick auf die Karte von Xin’Shalast. Dann frage ich mich: Was würden die Rinder fressen? Was die Hühner? Wiesen irgendwo? Felder?

Nein. Die Riesen (die übrigens nicht die einzigen Bewohner der Stadt sind!) können sich nicht selbst versorgen – und dabei habe ich die ungünstige Lage der Stadt noch gar nicht berücksichtigt.

Aber wir befinden uns ja im einem Fantasy-Setting und Magie löst bekanntlich viele Probleme. Zum Beispiel der beliebte Zauber Create Food und Water. Dieser erschafft eine leichte aber nahrhafte Mahlzeit, die ausreicht, um 3 Menschen (oder ein Pferd) pro Stufe zu sättigen. Großartig. Ein Pferd wiegt – abhängig von der Rasse – zwischen 450 Kilogramm oder bis zu 1.150 Kilogramm (Shire Horse). Der Schnitt für Vollblüter liegt irgendwo bei 500 kg. Huch, wie die Riesen. Ergo kann der Zauber vermutlich einen Riesen pro Stufe satt bekommen.

Um Create food and water zu zaubern, muss ich ein Stufe 5 Kleriker sein. Da kann ich bei einem durchschnittlichen Weisheitswert 1 mal den Zauber sprechen. Ich bräuchte also 100 Stufe 5 Kleriker, um die Riesen satt zu bekommen.

Ein Stufe 10 Kleriker mit überdurchschnittlicher Weisheit (sagen wir 14) könnte den Zauber 5 mal am Tag wirken. Das ist großartig, denn es reduziert die Anzahl der benötigten Zauberer auf 20. 20 Kleriker (oder Orakel oder Schamanen) die den ganzen Tag keine anderen Stufe 3 Zauber vorbereiten als Create food and Water.

Es drängt sich mir hier der Verdacht auf, dass sich der Autor bei dem Design des Abenteuers nur wenig Gedanken über die Versorgung der Riesen-Armee gemacht hat. Es bedeutet aber auch, dass ich jetzt weiß, wie ich die Riesen aushungere – ich töte die 20 Kleriker!

5 thoughts on “Aber…die Riesen in Xin’Shalast

  1. Nicht du, sondern wir bzw. unsere Charaktere werden am kommenden Spielabend die Kleriker töten. Besser du bereitest die NSCs schon mal vor. Hihihi

    • 20 Stufe 10 Kleriker, die auch noch Riesen sind (weil es stimmig ist), ergeben einen Herausforderungsgrad von ohne Regelwerk geschätzt je 15.
      Da brauche ich gar nicht viel vorzubereiten. Die werden euch mit ihren sinnvoll vorbereiteten Stufe 3 Zaubern unter Hackbällchen ertränken! Yeah!

  2. LOL – Sehr schöne Gedankengänge! Ich bin aber sicher die Riesen haben bestimmt ein altes, unterirdisches Lager mit ewig haltbaren Superfoods (Lembas) gefunden und zehren davon. :-)

  3. Guten Tag zusammen,

    Ich möchte mir erlauben ein klein wenig zur Aufklärung beizutragen.

    Es verhält sich so: Riesen sind extrem gute “Futterverwerter” und sie können immense Fettreserven bunkern. Das befähigt sie monatelang mit ein paar Brotkrumen oder Fleischresten auskommen um sich anschließen in Fressgelagen wieder die Bäuche voll zu schlagen. Es wurde in einigen Welten sogar schon von Riesen berichtet die sich nur von ein wenig Grünzeug ernährten.
    Fazit: Die Formel ist auf Riesen nicht anwendbar! ==> Die überlegengen sind: “Für die Katz”

    Nichts für ungut und Spaß bei Seite.

    Ich finde Deinen Bog und die Überlegungen prima.
    Das Problem ist meiner Meinung nach, dass sich der Autor eines Kaufabenteuers nicht immer über alle Eventualitäten Gedanken machen kann. Wie wichtig oder nebensächlich die Versorgung der Riesenarmee in Eurem Abenteuer ist vermag ich allerdings nicht zu beurteilen. Hier sind wir bei dem Punkt, aus dem ich persönlich viel lieber Abenteuer aus der “eigenen Feder” verwende. Dabei hat man als SL die Freiheit / Möglichkeit vollständig vom Handlungsstrang abzuweichen. So kann aus dem Abschneiden der Versorgung ein neuer Handlungsstrang entstehen. Dieser muss am Ende nicht zwangsläufig wieder in das “Kaufabenteuer” münden. Man hat die Freiheit, das Ziel des Abenteuers auf jedem beliebigen anderen Weg zu erreichen oder sogar ganz neue Ziele zu verfolgen und das Abenteuer zu verlassen.

    Was die von Dir geschilderte Situation “Wir schneiden die Versorgung der Armee ab” betrifft:
    Warum nicht ein wenig Mut?
    Erfinde doch einfach etwas zu dem Abenteuer hinzu, das die Versorgung der Armee beschreibt.
    Schaue was die Spieler daraus machen und reagiere darauf. Du wirst sehen, Deine Spieler beginnen das Abenteuer selbst zu schreiben. Wenn Du willst kannst Du sie danach wieder auf den Pfad des Kauabenteuer zurückführen.

    Viele Grüße
    Rainer (SL der Gruppe Friedrichsdorf)

    • Hallo Rainer,
      und willkommen bei federkrieger.de. Vielen Dank für Deinen Kommentar.

      Tatsächlich hat es die Gruppe gar nicht interessiert, was die Riesen futtern. In erster Linie ist es mir beim Lesen und Vorbereiten aufgefallen und ganz ehrlich: Ich fand die Frage relativ naheliegend.

      Sklavisch an gekaufte Abenteuer halte ich mich nicht. Sie haben diverse Vorteile – und im Falle von Erwachen der Ruinenherrscher vor allem eines: Für Pathfinder-Neulinge ist diese fast schon legendäre Kampagne ein guter Einstieg – und fast Pflicht, denn hiermit hat seinerzeit alles begonnen…

      Dir weiterhin viel Spaß beim Spielen, Lesen und Kommentieren.

      Tobias

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